Für ein Flüsschen von nur 138 Kilometern Länge hat die Zala viel erreicht: ein ungarisches Komitat sowie ein gutes Dutzend Städte und Dörfer sind nach ihr benannt und sie steuert rund 40% der Wassermenge bei, die den Balaton ausmacht. Auf ihrem kurzen Weg von der slowenisch-ungarischen Grenze zum Kis-Balaton, dem kleinen Plattensee, durch den sie fließt, ehe sie bei Keszthely in den großen Balaton mündet, durchplätschert sie auch Zalabér, einen kleinen Ort im Nirgendwo, der an Bedeutungslosigkeit nicht zu überbieten wäre, befände sich dort nicht eines meiner Lieblingsrestaurants.
Es heißt „Szent Antal Fogadó“, frei übersetzt also Wirtshaus zum Heiligen Toni, wird von Sándor Bangó und seinem Chefkoch Zsolt Szalay betrieben und ist für mich ein unverzichtbarer Programmpunkt auf jeder Autofahrt nach Ungarn geworden, egal ob über Wien, Graz oder Zagreb. Inzwischen hat das sogar der Routenplaner bemerkt, der mich jetzt automatisch über Zalabér lotst, wenn ich den Balaton als Ziel eingebe, obwohl das Örtchen perfekt abseits der jeweils kürzesten Strecke liegt. Es ist kein geringer Umweg, denn er führt über Straßen, in deren Schlaglöchern sich kleinere Siedlungen, mindestens aber andere Fahrzeuge befinden könnten, weshalb man auf ihnen nicht schneller als 50 fahren sollte und mit einem Lieferwagen voller Wein am besten gar nicht.
Wenn ich es dennoch tue, dann wegen des Festaktes der unprätentiösen Art, den jedes Einkehren hier für mich darstellt. Es ist prächtig zwanglos in Sándors und Zsolts weiträumigem Lokal, das praktisch immer geöffnet hat, weshalb man – außer am Nationalfeiertag oder wenn das Dorf sich zu einer Hochzeit oder Beerdigung trifft – nie zu reservieren braucht. Das Personal trägt, was es gerade im Schrank gefunden hat, der Hund darf mit hinein, die Dekoration ist gemütlichkeitsfördernd aber kitschfrei rustikal, alles steht oder hängt an der richtigen Stelle, und es ist weder karg noch überladen.
Die Speisekarte führt diesen Balanceakt fort, indem sie außen in Leder gebunden und innen fettabweisend in Plastik eingeschweißt ist. So verströmt das Restaurant eine lässige Ehrwürdigkeit, ist zugleich makellos sauber und deutet an, dass hier auch gelebt und gefeiert wird. Und das schon lange, denn das Haus ist alt, doch wurde es liebevoll in Stand gesetzt mit allen für die Region typischen Details. Leicht kann man sich vorstellen, dass der große, das Gebäude hoch überragende Nadelbaum an der Westflanke einst beim Richtfest als Bäumchen auf dem Dachfirst stand.
Man betritt das Gasthaus durch ein Tor in der Umfassungsmauer und fühlt sich im großen Gastgarten an einen Burghof erinnnert. Innen finden sich von einem Vordach geschützte Plätze, artig mit karierten Tüchern gedeckt und durch metallene Aschenbecher als berauchbare Zone ausgewiesen. Die übrigen Tische teilen sich die Wiese mit ein paar Bäumen, einem Kinderspielplätzchen und einem Kicker für die Größeren.
Burgartig geht es weiter, durch eine Eingangstür, die eigentlich nicht niedrig ist und mich dennoch jedesmal dazu verleitet, den Kopf einzuziehen, zunächst in einen Schankraum mit hölzernem Tresen, dann durch zwei Torbogen in einen der beiden Gasträume, die ein gewaltiger Kachelofen voneinander trennt. An diesem Ofen, der in Betrieb noch dem Verfrorensten ein wohliges Grunzen entlockt, saß auch ich bei meinem ersten Besuch an einem äußerst herbstlich-kalten Tag, hierhergeführt von einheimischer Kennerschaft, fassungslos das Essensangebot bestaunend. Denn ja, es ist nicht nur schön hier, man isst auch gut, vor allem aber reichlich.
Die Speisekarte von der Dicke einer Waschmaschinen-Gebrauchsanweisung lässt nicht nur keine Wünsche offen, sondern neue, bislang unbekannte entstehen. Der Variantenreichtum, mit dem hier die gängigen Fleisch- und Fischsorten zubereitet werden, ist so fantasievoll wie beeindruckend. Eine Tageskarte gibt es nicht; stets ist immer alles bestell- und kombinierbar und wird frisch zubereitet. Zu gern besähe ich einmal den Vorratsraum, fürchte jedoch ein bleibendes Trauma und frage daher lieber nicht.
Im Februar 2023 sah das Angebot allein der Schweinefleischgerichte wie folgt aus:
Übrigens sollten Sie sich von kleinen sprachlichen Unvollkommenheiten wie „Gewürtzige grill Sweinsfilet mit grill Gemüse“, „Sahnige Herrenpilzsuppe“ oder „Klaue nach ‘Böcker Frau’ Art – 1 Stück für ca. 2 Personen“ nicht verunsichern lassen*. Für umgerechnet 9 Euro bekommen Sie eine Portion, die eine kleine Familie wochenlang ernähren kann und erheblich besser schmeckt als sie klingt. Woraus sich folgerichtig ergibt, dass von einer klassischen Menü-Reihenfolge aus Vorspeise, Hauptgericht und Dessert eher abzuraten ist, falls Sie nicht in Ungarn kulinarisch konditioniert wurden oder amtierender Europameister in irgendeiner Wettessen-Disziplin sind. Selbstverständlich heißt das nicht, dass Sie auf die Vorspeise verzichten sollen. Die panierte Gänseleber beispielsweise ist ein Gedicht, allerdings ein strophenreiches, zu dem vermutlich auch mehr als eine Gans beigetragen hat. Gleiches, nur ohne Gans, dafür mit Obstplantagen, Sahnebergen, Puderzuckerwüsten und Schokolademeeren gilt für die Nachspeisen: allesamt wundervoll, nur eben kein Bisschen.
Mein Favorit bei den Hauptgerichten ist übrigens das scharfe Hühnergeschnetzelte in Paprika-Sahnesauce, an gefrässigen Tagen mit Pommes als Beilage, sonst mit den authentischeren, ungarischen Nockerln. Es hört auf den schönen Namen Csipős Csirkemell und sollte unbedingt von einem Gurken-Knoblauch-Salat begleitet werden, der allerdings in der Karte hinterfotzigerweise nur als Gurkensalat ausgewiesen wird. Doppelzimmernutzer sollten sich vorsichtshalber auch diesen teilen.
Darüber hinaus gibt es selbstverständlich die gesamte Palette ungarischer Küche, und wer glaubt, er habe – sagen wir: das beste in Rotwein geschmorte Rindsgulasch seines Lebens bereits andernorts verspeist, möge einmal mit einem Freund von mir über das bei Szent Antal sprechen. Er liebt es so sehr, dass er mich bereits zweimal nach Ungarn begleitet (und sich sogar an den Benzinkosten beteiligt!) hat, nur um in Zalabér zu essen.
Besser aber, Sie glauben nicht alles, sondern fahren selber einmal hin.
*Natürlich habe auch ich mich gefragt, weshalb noch keiner der vielen deutschsprachigen Gäste, die hier einkehren, dem Wirt einen entsprechenden Hinweis zukommen ließ? Die Erklärung kann eigentlich nur lauten, dass die lieben Landsleute vor dem Essen von der Fülle des Angebotes überwältigt und danach des Sprechens nicht mehr mächtig sind.