beginnt, wie die so vieler, in Italien. Wir waren auf Studienfahrt, selbstverständlich in der Toskana. Die Aufgabe lautete, das Design für ein fiktives Weingut zu entwickeln, vom Firmenlogo übers Briefpapier bis hin zu den Flaschenetiketten und was ein Winzer in den 1980er Jahren sonst noch brauchte. Fast zwei Wochen trieben wir uns herum und vor uns hin, entdeckten Dutzende von Produzenten, wurden herzlich aufgenommen, ließen uns von architektonischen, kulinarischen und anderen Schönheiten begeistern, schossen tausende von Fotos, und eines Abends, natürlich beim Chianti (den wir mit „K“ auszusprechen lernten), stellten wir gemeinsam fest, dass es eigentlich keinen besseren Lebensplan geben könne, als das Dasein mit Design und Wein zu verbinden, das Angenehme also mit dem Angenehmen zu vereinen und dafür bezahlt zu werden.
Natürlich kam es anders.
Noch während meines Studiums beschloss die Menschheit aus mir bis heute unverständlichen Gründen, ihre geistige Maximalanstrengung künftig auf die Nutzung der Ziffern 0 und 1 zu beschränken. Sehr schnell zeigte sich, dass mir dies nicht nur die toskanischen Pläne vermiesen, sondern das berufliche Aus noch vor dessen Beginn bescheren würde. Als wäre das nicht ärgerlich genug, spielte diese Entwicklung obendrein jenen Zeitgenossen, die bebrillt vom Fahrrad fielen, kein Strichmännchen zeichnen konnten und als Mitbewerber um die Gunst der Frauen ignoriert werden konnten, kurz: nicht dafür vorgesehen waren, bei der Evolution der Menschheit eine entscheidende Rolle zu spielen, eine entscheidende Rolle zu: sie wurden Informatiker, Systemadministratoren, Datenbankrecherchebeauftragte oder schlimmeres, zählten schon bald zu den gefragtesten Berufsanfängern und verdienten sich schwindelig.
Dann baute ein amerikanisches Kleinstunternehmen ein Gerät, auf dem angebissenes Obst „Design“ für Leute leistbar machte, die keine Ahnung davon hatten, diesen Umstand aber ohne Zögern für sich nutzten. Die Digitalisierung machte nach ihrer ersten Zerstörungswelle freilich nicht Halt; im Fortschreiten verschlang sie einen Traditionsberuf nach dem anderen, stets die Lüge vor sich hertragend, dass es keinem schlechter gehen und alle profitieren sollten. Saß das Monster anfangs noch am Fluss wie ein Bär, der sich beiläufig einen fetten Lachs aus dem Wasser fischt und dafür nichts als Gräten zurückläßt, verwandelte es sich bald in den Fluss selbst – und mich in einen, der sich nicht mehr treiben lassen und entspannt abwarten konnte, wohin das führen werde, sondern sich was einfallen lassen musste, um nicht im Wasserfall zu enden.
Ich hatte Schriftsetzer gelernt, um mein künstlerisches Studium durch eine wenigstens teilweise Berufstätigkeit finanzieren zu können. Das Typostudio, zu dem gereizte Grafiker pilgerten, wenn sie eine ausgeglichene Headline brauchten, war eines der ersten Opfer jener kulturellen Verwahrlosung, die sich seit der Machichdoch-Übernahme durch Apple verbreitete. Bald interessierte sich niemand mehr dafür, welche Lücken zwischen den Versalien einer Überschrift klafften oder weshalb es bei Punktgröße 7 darauf ankam, eine seriphenlose Schrift zu verwenden; die große Gleichmacherei des „anything goes“ und „who cares“ hatte zu Üben begonnen, bevor sie sich über den ganzen Globus ergoß.
Für mich bedeutete das, ein Talent als neuen Beruf zu nutzen, von dem ich sicher war, dass es durch Maschinen nicht ersetzbar wäre: das Zeichnenkönnen.
Zu unstet für einen Zeitungs-Cartoonisten, zu ungeduldig für einen Trickfilmzeichner und zu faul für einen Kinderbuchillustrator, wandte ich mich dem Storyboard zu, das für Filmproduktionen ebenso benötigt wurde wie etwa beim Sprachunterricht.
Das funktionierte ein paar Jahre, bis jemand merkte, dass statt eigens angefertigter Zeichnungen auch – inzwischen digital aufgenommene – Fotos verwendet werden konnten. Man konnte sogar Filter über ein fotografiertes Portrait legen, die es aussehen ließen, als wäre es von Hand gezeichnet worden; ist das nicht eine gute Nachricht für einen, der seinen Rötelstift noch mit dem Messer spitzt und das Zeichenpapier bei Fabriano in Umbrien holt?
Und wieder stand die Frage im Raum: Was konnte ich sonst noch? Nun, Klugscheißen ging ganz gut, am besten in Form des geschriebenen Wortes. So begann meine Karriere als Werbetexter. Reicherte man das Schreibenkönnen mit Traditionsbewusstsein an, indem man etwa ständig den Verfall der deutschen Sprache bekrittelte, konnte einem das vor zwanzig Jahren noch einen gut dotierten Vortrag (mit anschließendem Vertrag) bei einem sehr großen IT Unternehmen bescheren. Auch wenn es den scheußlichen Begriff der „Abgehängten“ damals noch nicht gab, glaubte ich, es könne nicht schaden, Dranzubleiben; also die Grenze zwischen meiner Welt und der digitalen, zwischen Gut und Böse, einmalig zu überschreiten, ohne mich moralisch angreifbar zu machen; in Wahrheit war es der erste Schritt in die Kapitulation.
„Sieben Jahre in Tübingen“ könnte man die märchenhaft lukrative Zeit bei den Computerschmieden im Ländle taufen, in der ich einen Dauerspagat zwischen Konservieren und Progredieren vollführte, ehe eine neuerliche Wertewende dazu führte, dass man des tapferen Schreiberleins endgültig nicht mehr bedurfte: das Internet war in rasender Geschwindigkeit zum Maß aller Dinge geworden und verlangte eiligste Umbauten im Großkonzern, die beinahe über Nacht erfolgten; einmal mehr fraß die Revolution ihre Kinder.
Ein Zurück gab es nicht. Keine Werbeagentur suchte mehr einen Grafiker, der Layouts skizzierte, statt sie am Bildschirm zu entwerfen, keine Filmproduktion einen Zeichner, der Papier und Bleistift mit sich führte und niemand, absolut niemand einen Texter, der druckreif Deutsch sprach und Autoren liebte wie Wolf von Niebelschütz, Albert Vigoleis Thelen, Eckhard Henscheid oder Thomas Mann.
Nur ein filigraner Halbportugiese aus Südafrika, der einen Weinladen an Münchens Steißbein betrieb, suchte Verstärkung beim wöchentlichen Weinkistenwuchten, wenn die neue Ware kam.
So war mein erster Kontakt zum Wein eher schleppend, bevor ich mich auch mit dem Inhalt der Schachteln zu befassen begann. Ich hatte noch nicht gelernt, einen Shiraz von einem Syrah zu unterscheiden, als ich ausgeliehen wurde. Wie seit altersher unter Sklavenhaltern üblich, tauschte man das Personal nach Bedarf. Eines der größten und ältesten Münchner Weingeschäfte, am gegenüberliegenden Ende der Stadt gelegen, hatte von meiner stabilen Bandscheibe gehört, bat mich zum Probetragen, und nachdem ich einen kompletten LKW entladen und mich dabei befähigt erwiesen hatte, Kisten, die mir aus drei Metern Entfernung zugeworfen wurden, nicht fallen zu lassen, wurde ich eingestellt.
Der Inhaber aber hatte zwei Läden. Während er selbst den größeren führte, indem er geldzählend an der Kasse stand und die Beratung der Kunden seinen Mitarbeitern überließ, stand das andere Geschäft unter der Leitung eines echten Weinexperten. Hier konnte man etwas lernen, wenn man wollte; hier zeigten sich die Komplexität und der Spannungsreichtum des Themas, hier wurde man an Nuancen herangeführt, die man selbst nicht entdeckt hätte und hier begriff ich, wie viel es zu wissen gab, wie wichtig Authentizität sein kann, und dass man auch als Verkäufer die Wahrheit sagen darf.
Fünf Lehrjahre waren das, und sie führten mich vom vollkommen unbedarften Glasbefüller bei Verkostungs-Meisterschaften zum Inhaber eines mit Auszeichnung bestandenen Experten-Zertifikates des Wine and Spirits Education Trust in London.
Der Rest ist schnell erzählt. 2010 übernahm ich einen ziemlich heruntergewirtschafteten Weinladen und führte ihn in drei Jahren zurück zur Überlebensfähigkeit. Zur Belohnung wechselte ich in ein großes, gut eingeführtes Weingeschäft und blieb zehn Jahre dort, bis eine bunte Mischung aus privaten, gesundheitlichen und ideologischen Veränderungen nach etwas Neuem rief. Das Neue war in diesem Fall das Altbekannte, bloß neu gemischt: mit Ungarn verbindet mich von Geburt an ein Theil meiner Gene, mit Wein ein solides Wissen, das Schreiben hat mir immer Spaß gemacht und das Internet zerfleischt ohnehin gerade sein nächstes Opfer, den stationären Einzelhandel.
Der Kampf ums Altbewährte war längst verloren, die Niederlage vollkommen, die Kapitulation vollzogen. Einmal mehr stand „Phönixspielen“ auf der Tagesordnung; aus der eigenen Asche aufzuerstehen oder sich neu zu erfinden, wie es so blöd heißt. Warum sich also nicht das Internet zum Spielfeld machen? So entstand die Idee zur Seelese, einem am See gelegenen Weinshop, in dem es viel zu lesen gibt.
Haben Sie Lust, mitzukommen? Dann sind Sie herzlich eingeladen, mich auf dieser neuen Reise zu begleiten. Ich weiß nicht, wo sie hinführt, aber es ist gut, Sie dabei zu haben.