Huhn in seiner schönsten Form

Csirkepaprikás

Das Huhn hat es nicht leicht. Seit man weiß, dass es sich um einen Nachfahren der Dinosaurier handelt, hat ihm sein dämliches Picken, Kopfschütteln, seitlich Schielen und Gackern viel Spott eingebracht. Zudem können Hühner in Ohnmacht fallen, sind Nichtschwimmer, neigen zu Panik, können dafür aber frisch geköpft noch ein paar Minuten im Garten herumflattern und die Kinder erschrecken. Nichts davon ist hilfreich, und die Behauptung erfahrener Hühnerzüchter, dem Federvieh seien geheimnisvolle Kräfte zuzuschreiben, macht es nicht besser, dürfte aber zumindest unter Füchsen und Mardern für einen heiteren Abend sorgen.

Am peinlichkeitsärmsten sind Hühner, wenn sie nicht zu sehen sind. Dann legen sie vermutlich gerade im Dunkel des Stalls ein Ei. Ausgewachsen schaffen sie das bis zu 300 mal im Jahr, was ich mir unangenehm vorstelle. Noch unangenehmer dürfte den Hühnern sein, ausgesprochen gut zu schmecken.

Schätzungen aus dem Jahr 2022 zufolge leben etwa drei Mal so viele Hühner wie Menschen auf der Erde, und der Grund dafür sind neben Streichelzoos im Wesentlichen Brühwürfel, Chicken McNuggets, Teriyaki-Spießchen, Brat- und Backhendl, diverse Currys und eins meiner Lieblingsgerichte: Csirkepaprikás.

Auf deutsch heißt das „Paprikahuhn“, wofür man neben Hühnerschenkeln (man kann aber in zeitgemäßer Dekadenz auch nur das Brust*innenfilet verwenden) als zweitwichtigste Zutat Paprika benötigt. Nicht ganz so alt wie die gefiederte Hauptsache, stammt die rote Schote aus Südamerika und ist in ihrer als Chili bekannten Ausprägung schon im 5. Jahrtausend v. Chr. in Ecuador verzehrt worden. In Westeuropa wird sie eher unachtsam, mitunter sogar störend eingesetzt (Pizza!), doch in Ungarn hat sie es nicht nur zum Grundnahrungsmittel gebracht, sondern ihr Schicksal untrennbar mit dem praktisch aller Fleischgerichte verknüpft.

Für ein Csirkepaprikás benötigen wir das gebenedeite Gemüse in Streifen und in Pulverform, in letzterem Fall gern die scharfe Variante.

Außerdem brauchen wir Speck, Knoblauch, Zwiebeln, Hühnerbrühe (falls wir zuvor schon eines Zweithuhnes habhaft geworden sind; andernfalls halt Wasser), etwas Mehl, viel saure Sahne, ein wenig Pfeffer, an kalten Tagen ein Lorbeerblatt und an warmen einen Schuss Zitronensaft. Salz in Abhängigkeit vom Salzgehalt des Specks und der Brühe. Wein benötigen wir nur, um den Koch bei Laune zu halten. Pálinka tut’s auch.

Bei dieser Gelegenheit sei ein Wort zum Thema „Speck“ gestattet. Ja, ich spreche von diesem weichlichen Zeug in FC Bayern-Farben, das Schweinen und anderen Untrainierten von der Leibesmitte herabhängt. Man bekommt es im Supermarkt in Scheiben, gewürfelt, oder als Riegel, mitunter „Bacon“ genannt, meist vakuumiert und immer enttäuschend, sobald man es aus seiner fettigen Plastikhülle herausflutschen lässt. Entweder ist die Substanz vollkommen versalzen oder besteht nur aus Schwarte oder man kann sie nicht kauen, weil sie die Konsistenz eines 108-jährigen Oktopus‘ mit Viagra-Vergiftung hat. 

Ein nahezu unbekannter Discounter, der sich von Aldi nur durch ein zweites „L“ statt einem „A“ unterscheidet, bietet den Freunden kalorienbewusster Völlerei übrigens eine bereits gewürfelte „Bacon Light“-Version an, die mir angesichts der Natur der Sache so glaubwürdig erscheint wie wärmendes Eis.

Die Luxusvariante desselben Stoffes sind die zigarettenschachtelgroßen, in seltene Kräuter und handgeschöpftes Tegernseer Büttenpapier eingewickelten Speckbarren, wie man sie bei Feinkost X oder Y für nicht viel mehr als zwei- bis dreihundert Euro pro Gramm erwerben kann: über Holzfeuer aus olympischen Olivenholzästen geräuchertes Bauchfett vom präpubertär kastrierten toskanischen Jungeber, der mit Brunello di Montalcino betäubt wurde, ehe man ihn totgestreichelt hat. Zweifellos zergeht derlei wie Speck auf der Zunge und würde selbiges auch in der Pfanne tun, dabei aber in Windeseile zu einem nutzlosen Pfützerl zertropfen.

Wählen wir stattdessen die crêmefarben triefende Mitte, Speck aus Metzgerhand (nicht von Metzgers Hand), am besten einer südosteuropäischen, und braten wir ihn geschwind an. Zwiebeln, Knoblauch und Lorbeer können auch gleich mit dazu.

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Wenn das Ganze etwa so aussieht wie oben, kommt das Huhn ins Spiel. Dann sollte es aussehen wie unten.

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Wer meinen Beitrag über das „Adventsgulasch“ noch vor der zweiten Flasche gelesen hat, könnte an dieser Stelle von einer Ahnung überkommen werden; der nämlich, dass die meisten ungarischen Topfgerichte derselben Dramaturgie folgen: Fett – Gemüse – Fleisch – Paprika – Flüssigkeit – saure Sahne. Und siehe da, das stimmt! Auch beim Csirkepaprikás nähern wir uns jetzt der kitzligen Situation, Paprikapulver untermischen zu müssen, dass gerade so ein bisschen angeröstet werden soll, aber nicht verbrennen darf; és itt van*:

Die Hühnerbrühe erlöst das pikante Pulver vorm Verbittern und macht aus dem bestäubten blassen Brei ein scharfes Schmorgericht. 

Lassen wir das Paprikás jetzt noch etwa 20 Minuten köcheln, damit das arme Huhn auch wirklich gar ist, dann folgt die obligate saure Sahne, die der Sauce ihre weniger aggressive Farbe verleiht.

Da wir das Thema der selbstgemachten Nockerln und die Ersatzbefriedigung durch gekaufte Spätzle bereits behandelt haben, reichen wir heute schlicht und ergreifend Brot zum Paprikás. Essiggurkerln passen ausgezeichnet, und als Getränk kommt natürlich nur der Szentbékálla Rosé von Káli Kövek in Frage, falls man kein Miesbacher Hopf Weißbier oder eine Adelholzener Johannisbeerschorle (Ironie Ende) im Kühlschrank hat.

An Guadn!

* und los geht’s!