Lang ist’s her, dass Ungarn am Meer lag.
Zuletzt von 1102 bis 1918, als Triest aufhörte, eine ungarische Hafenstadt zu sein. Geblieben ist die Sehnsucht der Ungarn nach der blauen Weite. Sie zeigt sich in der oft strapazierten Phrase vom Balaton als „ungarischem Meer“ und manch anderem, leicht hinkenden Vergleich überschaubarer Flächen mit einem Ozean.
„Meer der Steine“ – „Kőtenger“ auf Ungarisch – heißt ein geologisches Naturdenkmal, dass sich, nur wenige Autominuten vom Nordufer des Balaton entfernt, über eine Länge von fast 14 Kilometern parallel zu diesem erstreckt. Der spannendste Abschnitt liegt, gut versteckt, aber ebenso gut ausgeschildert, in einem Waldstück auf dem Rand des Káli-Beckens zwischen den Dörfern Mindszentkálla und Szentbékkálla.
Wer dieses “Steinmeer“ erkunden will, sollte keine Flipflops tragen. Zwar ist es vom Friedhof (Kálvária) am westlichen Ortsausgang Szentbékkállas nur ein Spaziergang von wenigen hundert Metern bis zum kurzen und sanften Aufstieg zur weitläufigen Hochebene, aber der Weg ist: steinig.
Mit einem halbwegs geländegängigen Auto kann man ihn sich sparen, doch der naturbelassene Parkplatz an seinem Ende ist klein, mit grasüberwachsenen Felsbrocken durchsetzt und in den Sommermonaten überbelegt.
Das Naturschauspiel des steinernen Meeres beginnt unscheinbar, wie zufällig. Einzelne Felsen vom Ausmaß eines Hundes, eines Grabsteins oder eines Dixi-Klos liegen hier und da am Wegesrand, zum Teil von Pflanzen überrankt. Magersüchtige Bäumchen gefallen sich in Verkennung ihrer Lebensdauer darin, mit ihren Wurzeln mächtige Steine zu bedrängen. Bald aber herrschen die Kolosse unbegrünt, reihen sich in gewaltigen Formationen, die bis zur Größe eines Hauses reichen, aneinander und überziehen das Plateau mit Assoziationen.
Touristische Handzettel fühlen sich bei diesem Anblick gern an einen Riesen erinnert, der auf einer Wanderung seinen Weg mit Steinen markiert hat, um zurückzufinden. Das war auch mein erster Gedanke. Zwergwüchsig, wie Riesen sind, verlieren sie zwischen Hecken und Farnen schnell den Überblick, und anstatt sich an der Spur der Verwüstung zu orientieren, die sie hinterlassen haben, streuen sie – – – aber was weiß ich schon, ich bin kein Reiseführer.
Mich erinnert das Ganze eher an die mitten in einer Bewegung erstarrten Opfer des Vulkanausbruchs von Pompeji; aber auch die Phantasiebegabung eines Architekten im gemeinnützigen Wohnungsbau würde ausreichen, um in fast jedem Steinkoloss ein Wesen der Urzeit oder Mythologie zu erkennen, und in vielen Fällen ist man froh, dass es sich fast nicht mehr regt.
Fast?
Tatsächlich ruhen nicht alle Steingiganten so still neben- und aufeinander, wie es scheint. Auf dem „Clementinenstein“ an zentraler Stelle des Areals kann es sogar richtig wackelig werden! Diese zehn Tonnen schwere Platte, auf die man schnell geklettert ist, liegt auf nur drei Punkten über zehn Meter hoch gestapelten Felsblöcken. Ein durchschnittsgewichtiger Deutscher oder ein ungarischer Kindergarten können den Koloss durch Gewichtsverlagerung zum Wanken bringen und sich dabei entweder stark wie Superman oder erheblich zu dick fühlen.