Mittwochmorgen auf dem Markt

Kuchen in Keszthely

Wenn man an einem kühlen Mittwochmorgen, etwa im Oktober oder März, gezwungen ist, in der seenahen Villa in Keszthely, die einem Freunde von Freunden für ein paar Tage zum Freundschaftspreis überlassen haben, das mehr als luxuriöse Bett samt Inhalt zu verlassen, weil unaufschiebbare Erledigungen warten und man beim in die Küche Schlurfen feststellt, dass der Luxus leider nicht weit genug reicht, um auf geheime Nescafé-Vorräte hoffen zu dürfen, man seinen Koffeinbedarf also aushäusig zu decken gezwungen und glücklicherweise vor den Terminen noch ein klein wenig Zeit übrig ist, um in der Stadtmitte eines dieser graubraunen Heißgetränke in sich zu saugen, das man in Ungarn immer noch häufig mit Kaffee verwechselt: dann sollte man zumindest versuchen, das Beste aus dieser Situation zu machen – und das bedeutet nicht, zur frühen Stunde statt des Kaffees schon ein sorgenbefreiendes „Soproni“ am nahen Strandkiosk zu trinken (obgleich das natürlich jedermann freigestellt ist), sondern den Markt unterhalb des Keszthelyer Rathausplatzes zu besuchen und nach jenem Stand Ausschau zu halten, der – ja, so etwas gibt es – Apfel-Walnuss-Blätterteig-Kuchen verkauft, für kleines Geld, ungeheuren Genuss, aber eben immer nur mittwochs.

Das Zeug kommt in fetten, quadratischen, mehrschichtigen Stücken und sieht aus, als ob nicht mal der Hund es mögen könnte. Dann aber, kaum dass die schmelzende Schnitte beginnt, das Packpapier zu durchweichen, das die Hand vor der Saftigkeit des Teiges schützen sollte und man Gewicht und Konsistenz des koketten Klumpens zu fühlen beginnt, dessen schiere Haptik bereits unkeusche Gedanken hervorrufen könnte, zerfliessen Kuchenboden, -decke und die diversen Zwischengeschosse samt ihrer Füllung nach dem ersten Biss, der eigentlich nur ein Schließen der Lippen um Üppigkeit ist, im Munde wie ein pubertärer Zungenkuss; diese wie brünstig tropfende, paradiessüße Matsche aus zu Tode gekochten Äpfeln, aus Nüssen, die im Obstsaft in nussferne Konsistenz geschmort wurden, mit Gewürzen, die Zimt und Vanille wie den Eischnee von gestern erscheinen lassen, unterstützt von einer ordentlichen Portion Schnaps (jedenfalls vermute ich das, wenn ich lese, was ich gerade schreibe), lässt den Unvorbereiteten beim eigentlich nicht erforderlichen Kauen in einer Weise seufzen, dass sich empfiehlt, den Genussgipfel etwas abseits stattfinden zu lassen, nicht da, wo die Kinder spielen, sondern etwa dort drüben auf der Bank unter der Birke, wo ein sehr verliebt wirkendes Pärchen den Eindruck größten Behagens erweckt, indem es sich gerade eins von den Teilen teilt.

Anschließend kann man dann zurück zum Markt gehen, sich noch ein paar ganz normale Dinge kaufen oder sich fragen, was man nach einem solchen Auftakt mit dem Rest des Tages eigentlich noch anfangen soll? Die Erledigungen jedenfalls müssen heute nicht mehr sein.