Europäische Kulturhauptstadt 2023

Veszprém

Stellen wir uns ein Idyll vor: aus laubbewaldeten Hügeln fließt ein Bach durch eine weidenbestandene Aue in ein verschlungenes Tal, speist dort Mühlrad um Mühlrad und umplätschert dabei einen fast senkrecht aufragenden Felsen, der auf seiner Kante einen Wachturm trägt. Dahinter, auf dem Plateau des sich verbreiternden Felsens, sitzt eine stattliche, von weitem sichtbare Burg. Die Anhöhe ist von einer Siedlung umgeben und einer sanft hügeligen, kaum bevölkerten Landschaft, die nach Süden hin abflacht, zu einem riesigen See, dessen Fischreichtum Ufer- und Burgbewohner ernährt. So kann man sich Veszprém um das Jahr 1000 denken.

Stellen wir uns ein Inferno vor: Ende März 1945, Budapest ist gefallen, die Rote Armee marschiert auf Wien. Zwei deutsche Panzerdivisionen haben das Himmelfahrtskommando, den Burgberg nicht aufzugeben. Drei Tage lang halten sie dem übermächtigen Gegner stand, dann steht kein Stein mehr auf dem anderen.

Es ist die sechste großflächige Verwüstung Veszpréms, dieser mehr als  tausendjährigen Siedlung zwischen Bakonywald und Balaton, am Ufer des Séd gelegen, mit ihrer noch älteren Festung aus der Zeit der ungarischen Landnahme, und neben Esztergom und Szekesfehervár eine der drei ältesten Städte Ungarns. 1276 fand ein ungarisches Heer während interner Auseinandersetzungen, Veszprém gehöre der falschen Partei an; 1380 wütete ein Brand; 1552 taten die Türken, was sie am besten können: sie tobten sich aus; 1704 holten sich die Habsburger, was in der Burg zu haben war und 1810 ebnete ein Erdbeben die Stadt ein.

Jedes Mal wurde alles wieder aufgebaut, nur beim letzten Mal mit den Mitteln der Moderne. Der Dom St. Michael, die älteste bischöfliche Kathedrale Ungarns, erinnert in seiner betonierten Schlichtheit mit dem makellosen Putz an seinen ähnlich alten Schicksalsgefährten, den Freisinger Dom, dem man auch weder ansieht, noch glauben möchte, dass er schon vor 1950 existierte.

Die ganze Stadt befindet sich in diesem architektonischen Spagat, zugleich neuzeitlich und alt auszusehen, letzteres auch in des Ausdrucks salopper Bedeutung. Zwar fließt der Séd nach wie vor zu Füßen der Burg durch einen erst kürzlich angelegten, bezaubernden Park und es mangelt an keiner Ecke an hübschen Details, doch will sich keine Harmonie einstellen. Ist die Burg nun barock, wie sie es vor ihrer letzten Zerstörung war? Oder wie nennt man Barock im Nachbau?

Ähnlich verhält es sich mit den profanen Bauten: da gibt es „echt“ ungarische Architektur des 19. Jahrhunderts neben Gebäuden, die diese nachahmen; monströse Betonscheusale der sozialistischen Ära finden sich neben sehr modernen Versuchen, Erhaltenswertes und Abrisswürdiges auf Teufelkommraus zu versöhnen, was selbstverständlich nicht gutgehen kann. Die Stadt ist nicht hässlich; sie ist nur ästhetisch ein klein wenig holperig.

Steht man an der richtigen Stelle in der Kossuthstraße, bekommt man alles auf ein Bild: die kleine, weiße, im späten 18. Jahrhundert errichtete lutherische Kirche, das nagelneue Beton- und Glaskultur-Zentrum „Hangvilla“ (vermutlich eine Namensschöpfung aus „Hangverseny“, dem ungarischen Wort für „Konzert“, und dem, was dieses Gebäude definitiv nicht ist) und Veszpréms fürchterlichste Bausünde, den bläulich-grauen 19-stöckigen Apartmentquader mitten im Zentrum, der auf Ungarisch interessanterweise „20-Stockwerk-Haus“ genannt und von Euphemystikern aus der Politik gar als Wahrzeichen der Stadt gesehen wird, während diese Ehre doch bitte dem Feuerturm aus dem 18. Jahrhundert zukommt, den ich aus dem Hotelzimmer im 12. Stock fast übersehen hätte, weil mich die parkhausartige Backsteinfassade der zentralen McDonald’s-Filiale gleich nebenan in Schreckstarre versetzt hatte.

Seit klar war, dass Veszprém 2023 eine der europäischen Kulturhauptstädte würde, fand ein gewaltiges Buddeln, Baggern und Betonieren statt. Unklar ist, ob das Ausmaß der Neu- und Umbauten auf realitätsferne Vorgaben der EU zurückzuführen ist oder man einfach das ungewohnte Vorhandensein von Geld und mächtigen Baumaschinen nutzte, um ein Maximum herauszuholen und gewissermaßen nebenbei das Straßensystem des verschlafenen Städtchens an das Verkehrsaufkommen Budapests anzupassen. Wer in den letzten Jahren regelmäßig von ebenda kommend ans Nordufer des Balaton gelangen wollte, kann ein Lied singen von den Staus, die dem Bau der neuen Südtangente zu verdanken waren. 

Gerade rechtzeitig wurde sie fertig und überrascht nun selbst routinierte Autofahrer einerseits mit einer Fülle kreativer Abbiegemöglichkeiten, die das innovative System aus ineinander verschachtelten Kreisverkehr-Kreuzungen bietet, andererseits mit der Tatsache, dass man nach dem Verlassen der Schnellstraße sofort im Stadtzentrum ist und daher keinen Parkplatz finden wird. Vergessen wurde bei den Baumaßnahmen leider die Kreuzung ebenjener Tangente mit der 77er Landstraße, die in den Norden des Balaton führt; sie liegt in meiner persönlichen Bestenliste der Fahrbahnen mit dem miserabelsten Belag knapp hinter Bulgarien und Ost-Kreta.

Aber Veszprém ist ohnehin eine Stadt, die man sich problemlos erlaufen kann und das auch sollte.

Wer nicht gerade den etwas abseits gelegenen Zoo besuchen möchte oder die monumentalen Konsumperversionszentren von „Tesco“ und „Spar“ an der Peripherie, kommt zu Fuß bestens überall hin, sieht mehr und entdeckt bei ausreichend selektiver Wahrnehmung die zahlreichen charmanten Einzelheiten, auf die ich hier ebenso wenig näher eingehen kann wie auf die offiziellen Sehenswürdigkeiten und deren Geschichte.

Abgesehen davon ist spätestens der älteste Teil der Stadt ohnehin nur fußläufig erkundbar, außer die Schammesslatte liegt niedrig genug, um mit der knallroten Bummel- und Bimmelbahn, die direkt aus Disneyland importiert sein könnte, eine Rundfahrt zu unternehmen auf den Burgberg mit seinen drei Kirchen.

Ja, Veszprém war und ist eine katholische Hochburg, und das ist kein Wunder, war es doch „a boarischs Deandl“, die vermutlich aus Bad Abbach gebürtige Prinzessin Gisela, eine Schwester des späteren Deutschen Kaisers Heinrich II., die das Bistum um die erste Jahrtausendwende stiftete! Erzogen im Kloster Niedermünster zu Regensburg war sie eine tiefgläubige Christin und den Wegen des Herrn willfährig, auch wenn diese sie mit gerade einmal zehn Jahren ins Ehebett des sechsundzwanzigjährigen ungarischen Großfürsten und nachmaligen Königs Stefan I. führten. Der widerum trieb, nicht zuletzt durch den Einfluss seiner Gattin, die Christianisierung seines heidnischen Nomadenvolkes durchaus energisch voran, und brachte so das Kunststück zustande, post mortem heiliggesprochen zu werden, obwohl er einem Mitbewerber um den Thron, einem Blutsverwandten obendrein, das Augenlicht nahm und geschmolzenes Blei in die Ohren gießen ließ, um ihn „regierungsunfähig“ zu machen.

Vermutlich war es auch Gisela, die Veszprém zum Herrschaftssitz erhob, denn sie lebte gern hier, nach allem, was man weiß, und wäre wohl auch nach dem Tod ihres Gemahls 1038 geblieben, hätten sie nicht dessen Gegner zur Heimreise nach Bayern gezwungen. Dort starb sie etwa 75-jährig als Äbtissin in Passau, kehrte jedoch schon wenige Jahrhunderte später fragmentarisch in Form eines Langknochens nach Veszprém zurück, wo sie nun bei Bedarf in partieller Präsenz angebetet werden kann, vorzugsweise am 1. Februar und am 7. Mai, denn das sind die Feiertage der inzwischen in den Status einer Seligen Aufgerückten.

Gefeiert wird in Veszprém übrigens reichlich, und das auch in Jahren, in denen man nicht als Kulturhauptstadt fungiert. Zwar ist die Stadt nicht gerade eine Partymeile, aber für einen Ort, der kleiner ist als Rosenheim, finden beachtlich viele Veranstaltungen statt, insbesondere solche musikalischer Natur.

Allen voran ist das jährliche „Veszprémfest“ zu nennen, das heuer bereits zum zwanzigsten Mal abgehalten wurde und bei dem keineswegs nur lokale Größen auf der Bühne stehen, sondern Künstler wie u.a. Anna Netrebko und Norah Jones.

Des weiteren fanden (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) die folgenden Fêten statt:

  • die Gizella-Tage,
  • das Straßenmusik-Festival,
  • das Balaton Wine & Gourmet Festival,
  • das Balkan:Most-Festival,
  • das internationale Festival für zeitgenössischen Tanz,
  • das Veszprém Blues-Festival,
  • der Kindertag,
  • die lange Museen-Nacht,
  • das Gastronomie-Festival „Die Seele des Brotes“,
  • die „Tage der Alten Musik“,
  • das Auer-Festival
  • und das Fest des Heiligen Stephan.

Und wer an diesem Wochenende noch in der Gegend ist, kann das Weinlesefest im nahen Balatonfüred besuchen. Womit wir endlich beim Thema wären! Wie steht’s in Veszprém um die Einkehrmöglichkeiten?

Es gibt sie, und das ist die gute Nachricht. Die Auswahl ist allerdings mehr als übersichtlich. Nach zwei stadtdurchstreifenden Abenden fand ich lediglich drei Etablissements erwähnenswert:

Platz 1 gebührt dem beinahe rund um die Uhr geöfffneten „Pápirkutya“ (Papierhund), in dem man tatsächlich vom leckeren Frühstück bis zum letzten Absacker des Abends den Tag speisend, lesend, sinnierend, plaudernd, Musik hörend und selbstverständlich trinkend verbringen könnte (sie haben einen recht anständigen offenen Welschriesling und für ungarische Verhältnisse ausgezeichneten Café).

Auf dem zweiten Platz und genau gegenüber dem Pápirkutya liegt das „wine & vinyl“, ein junges, als edle Weinbar konzipiertes Lokal mit Musik vom Plattenspieler, das allerdings an Wochenend-Abenden sowohl den Wein wie auch die Bar-Atmosphäre stark in den Hintergrund treten lässt und eher einer Diskothek (in des Wortes schöner, altmodischer Bedeutung) gleicht, da hier wirklich aufgelegt wird und das Publikum dazu tanzt.

An dritter Stelle taucht das „Skorpió“ Irish Pub auf, wieder nur 30 bis 50 Schritte (je nach Trinkfortschritt) ums Eck, das trotz seines dümmlichen Namens in puncto Einrichtung, Bier- und Speisenangebot tatsächlich in Dublin liegen könnte, wäre da nicht eine Eigentümlichkeit, die mir als Deutschem erst nach einer Weile aufgefallen ist: niemand hier, weder Kellner noch Gäste, spricht Englisch. Und zwar überhaupt nicht. Trotzdem lohnt sich der Besuch, denn man bekommt irisches Bier, eine akzeptable Whisky-Auswahl und richtig große, leckere Burger mit allem drum und dran.

Nicht unbedingt wegen der Getränke, aber aufgrund ihrer Lage sei außerhalb der Wertung noch die entzückende „Völgy Fagyizó“, also die „Eisdiele im Tal“ erwähnt, die sich am Fuße des Burgbergs auf der steilen Seite in den Felsen gegraben zu haben scheint, wodurch man sich nach dem Ab- oder vor dem Aufstieg im Schatten mit einem Eis zum freundlichen Preis oder einem Riesen-Bubble-Tea belohnen kann.

Als Fazit zeigt sich, dass Veszprém – so sehenswert es ist – doch eher zum Ausflugsziel als zum Basislager taugt. Zu viele, abwechslungsreiche, wenngleich auch laute Attraktionen bietet der nur zwölf Kilometer entfernte See mit den beiden großen Touristenorten Balatonfüred und Balatonalmádi. Wer aber an einem heißen Sommertag die Stille sucht oder im Herbst einen Anflug von Melancholie, wird in den winkeligen Straßen, den malerischen Altstadt-Plätzchen und den vielen Grünanlagen Ruhe, Entspannung und vielleicht sogar die Gelassenheit von tausend Jahren finden.