Junge Menschen träumen; über die Jahreszeiten wissen sie allenfalls Ungefähres. Für sie ändert sich bloß die Szenerie, die Szenerie dieses strahlenden Spiels ihres Lebens. In ihren Augen ist das Jahr ein Theaterstück mit vier Akten. Erst wenn sich das Gefühl, jung zu sein, verliert, werden wir für äußerliche Veränderungen empfindsam: Im November gilt das nicht nur für unsere Haut, sondern auch für unsere Seele. Es geschieht etwas beunruhigendes.
Wir treten in den Winter, als ob in diesen Tagen eine düstere Sage zum Leben erwacht wäre. Der Winter ist ein Lichtkreis um den Mond und eine Höhle zugleich, er ist Kranksein in der Stadt, und doch bringt er Robben, Walrosse, unbekannte Sänger auf der Durchreise, diplomierte Schneeschaufler, Kamillentee und Glühwein mit, und eine schwüle Freude und ängstliche Ahnung, wir könnten allein sein auf der Welt, allein mit unserem Schicksal, das zerschunden und düster ist. Vor allem aber – mehr als alles andere – ist uns kalt.
Wie die Bewohner einer mittelalterlichen Stadt, die unerwartet angegriffen wird, bereiten wir uns fieberhaft und dem Wahnsinn nahe darauf vor, uns zu verteidigen: Wir bestellen Kohlen, lüften dicke Kleidung aus, verkleiden uns in winterliche Kostüme – und fürchten uns. Wir haben nicht nur Angst vor der Kälte. In unseren Träumen ist die Erinnerung an das grausame Erlebnis der Eiszeit noch frisch.
Als Kinder liebten wir es, in einem Buch mit bunten Zeichnungen zu blättern, das den Titel „Die Freuden des Winters“ trug. Die Bilder zeigten Großvater, der eine Melone trug und wie ein verrückt gewordener Schneemann in Weiß und Rosa Schlittschuh lief; überall waren klirrende Schlitten und schneebedeckte Bäume, die in der kalten Dämmerung lila glitzerten.
All das ist vorbei.
Die Sommer und Winter haben mich gelehrt, dass der Winter keine „Freuden“ hat; er ist kein wirkliches Leben, sondern die heidnische und wilde Freude, die sich alles nimmt, was lebt, sobald es zum Vorschein kommt.
Im November beginne ich, mit Unmut zu leben. Es ist die Zeit der literarischen Lesungen, die mich langweilen, die Zeit des stillen, sanatoriumsähnlichen Zimmerlebens, wenn wir an grauen Morgen aufwachen wie an Tagen der Krankheit; es beginnt die Zeit künstlichen Lichts und künstlicher Wärme.
Ich freue mich nicht mehr über den Winter; nur die Jugend kann an diesem barbarischen Fest etwas finden. Ich gehe nicht zu Schweineschlachtfesten, weil ich das Essen nicht vertrage, ich gehe nicht auf Bälle, weil ich fett und einsam bin, ich kann nicht Schlittschuh laufen und beim Skifahren brechen sich sowieso alle das Schienbein. Gewiss, da ist noch die Literatur, das verrauchte Café, das morgens schon dunkel ist, die dicke Kleidung und die Bronchitis. Aber all das ist ein eher mageres Vergnügen.
Das Zimmer ist geheizt, ich stehe vor dem Ofen, so lustlos wie ein Häftling, der seine Strafe antritt. Man hat uns fünf Monate gegeben. Vielleicht halten wir das durch.
Ich habe diesen Text frevelhafterweise selbst übersetzt und bearbeitet, da ich keine offizielle deutsche Übersetzung finden konnte. Sollte diese bereits oder künftig existieren, werde ich sie selbstverständlich – die Erlaubnis des Rechteinhabers vorausgesetzt – übernehmen.