Auch wenn deutlich weniger Wege nach Budapest führen als nach Rom, gibt es bei tiefergehendem Interesse an Ungarn und Ungarn durchaus Alternativen zum ausgetretenen Pfad am Klischeebächlein entlang. Und falls man sich bereits dorthin verirrt hat, ist es nie zu spät, beim zweiten Vorurteil rechts abzubiegen, um Folklorefirlefanz, Operettenödnis und Kulinarik-Kokolores hinter sich zu lassen.
„Du weißt, dass du Ungar bist“, las ich vor Jahren irgendwo im Internet, „wenn du es vorziehst, in öffentlichen Verkehrsmitteln zu stehen, obwohl reichlich Sitzplätze frei sind. Aber eben nicht alle.“
Das ist der Weg zum Innenleben dieses Volkes, das sich zwischen Germanen und Slawen eingeklemmt und beiden nicht zugehörig fühlt – und dabei zwischen beinahe neurotischer Freiheitsliebe, chronischem Beleidigtsein, überschwänglichem Wunsch nach Zuneigung und einem leisen Hang zum Absurden einen Humor entwickelt hat, der unaufhörlich zwischen selbstironischem Cäsarenwahn und sarkastischem Minderwertigkeitskomplex oszilliert. Erforschbar ist derlei nur vor Ort, und nicht übers Wochenende. Man sollte schon ein Zimmer mieten.
Lysann Heller hat genau das getan – und ein so lustiges wie empfehlenswertes Buch darüber geschrieben.
Auf der Suche nach einem journalistischen Praktikum im Ausland, bekommt Heller, aufgewachsen in der DDR, nur ein einziges seriöses Angebot – von der „Budapester Zeitung“. Ohne Zögern und zum Erstaunen ihrer Familie und Freunde zieht sie in die ungarische Hauptstadt. Erst hier stellt sich ihr die Frage, was man unter Ungarn überhaupt versteht? Und die Antwortet lautet: „Erst mal kein Wort!“
Doch von solchen Problemchen lässt Heller sich ihre Unbeschwertheit nicht nehmen. Mit unerschütterlichem Optimismus wagt sie sich ans Ungarische, und obwohl sie stets mit ihrem Sprachlehrbuch bewaffnet zum nächsten Abenteuer zieht, bleibt ihr keine grammatische Tücke erspart. Ob sie dem Hausmeister mit dem Satz „Guten Morgen wünsche ich“ zu erklären versucht, dass die Waschmaschine nicht funktioniert, sich mit dem falschen Kosewort nicht nach der Katze einer Kollegin, sondern nach deren Brüsten erkundigt oder die Mutter einer anderen Freundin bei der ersten Begegnung mit einer rüden Beleidigung statt einer freundlichen Phrase begrüßt, weil sie den falschen Vokal dehnt – die Stolperfallen sind zahllos und führen meist in den nächsten Fettnapf.
Kein Wunder, gerät Heller doch tatsächlich in eine Welt, in der ihr vieles fremd und das Meiste unverständlich ist. Nicht immer hilft die große Offenheit, mit der sie sich auf nahezu alles einlässt, was ihr widerfährt.
Schnell wird ihr klar, dass die Ungarn zwar in vielerlei Hinsicht völlig anders ticken, als sie es gewohnt ist, deren Liebenswürdigkeit darunter aber kein bisschen leidet. Im Handumdrehen freundet sie sich mit einer Kollegin und anderen Einheimischen an und dehnt ihren Aktionsradius über die Wohnung im noblen II. Bezirk auf ganz Budapest aus, wo sie das Ungarn aller Schichten trifft. Mal ist sie nachts, in der „Lumpensammler“-Straßenbahn unterwegs, wo sie gleichzeitig in die Feinheiten gekonnten Schwarzfahrens eingeweiht und charmant beklaut wird, um anderntags einem Empfang in der deutschen Botschaft beizuwohnen; mal wechselt sie von heruntergekommenen Trinkstuben und zwielichtigen Nachtclubs zur bürgerlichen Sonntagstafel bei der Familie einer Freundin oder stellt beim Joggen auf der Margareteninsel fest, dass die Ungarn viel sportlicher sind, als sie dachte. Sie besucht Konzerte, interviewt verkrachte Existenzen, verordnet sich selbst Winterschlaf gegen die Eiseskälte, um an Silvester verfrüht zum Partyhopping aufzuwachen, reist in die Provinz und bis nach Wien und Rumänien, um den Zeiten nachzuspüren, als Ungarn eine Großmacht war, trifft Menschen, die noch immer überzeugte Monarchisten sind, stellt im kollektiven Glühweinrausch die Frage, was geschehen wäre, wenn der ungarische Aufstand gegen die Habsburger 1849 Erfolg gehabt hätte („Die Welt wäre ein besserer Ort“) und lässt sich kurz danach in eine Zigeunerfamilie aufnehmen (die sie erfrischenderweise auch so nennt), um dort festzustellen, dass zwischen Vorurteil und Wirklichkeit stets eine große Lücke klafft.
In bunter Mischung wird das gesamte ungarische Dasein beleuchtet, wobei Heller stets eine wunderbare Balance zwischen Neugier und Distanz, Ernsthaftigkeit und Skurrilität, Selbstironie und nicht immer leisem Spott gelingt („Der Pfarrer kam mit dem Fahrrad. In Budapest! Andererseits: er glaubt ja auch an ein Leben nach dem Tod.“).
Sie schreckt vor keinem Experiment zurück, probiert Hahnhoden mit Obstler, trinkt Colawein, testet sämtliche ungarische Biersorten und nimmt schließlich sogar noch am jährlichen Durchschwimmen des Balaton teil. Ihr Schreibstil ist dabei weniger ein Erzählen, als vielmehr ein Zusehenlassen; so durchläuft der Leser dasselbe Paprikum wie die Autorin, wenn er verzweifelt versucht, am Postschalter ein Päckchen per Luftpost statt auf dem Landweg aufzugeben, kreatives statt darmfixiertes Fluchen lernt, von Taxifahrern grundlos wüst beschimpft wird, an einem Volkstanz teilnimmt, für den sich keiner schämt, sich in eine nur landesweit bekannte Band verliebt, obwohl man die Songtexte nicht versteht und den Grund erfährt, weshalb man in Ungarn niemals mit Bier anstößt. Gezecht wird durchwegs ordentlich – „Der Sonntag beginnt, wie der Samstag geendet hat: mit Schnaps.“ – denn „alle Ungarn sind Alkoholiker“, lässt Heller ihre ungarische Freundin Flóra behaupten, und die Gründe dafür seien der Vertrag von Trianon, die kalten Winter und das Lied vom traurigen Sonntag.
Wo soviel gequasselt und getrunken wird, kommt es unweigerlich auch zu romantischen Szenen. Hier zieht Heller aber gleich den Vorhang zu, falls mehr draus wird, und das tut gut, denn so bewahrt sie sich den Status der Beobachterin. Am Ende des Buches ist dann auch Schluss mit Lustig, wenn Heller, nun spürbar tiefer eingeweiht und ernsthafter bei der journalistischen Arbeit, Schicksale aus der Nachkriegszeit aufdeckt, sich mit Behinderten trifft oder eine Reise antritt, auf der sie das kaum vorstellbare Elend der armen Bevölkerung andeutet, zwischen das noch eine unglückliche Liebesgeschichte passt.
Als sie schließlich vom Chefredakteur gefragt wird, ob sie sich vorstellen könne, auf Dauer in Budapest zu bleiben und den Job als Paprikantin gegen eine Festanstellung einzutauschen, fährt sie erst einmal nach Hause, um dort zu bemerken, dass sie die Heimat nicht wiedererkennt. Im Vergleich mit Ungarn erscheint ihr Deutschland plötzlich kafkaesk. Noch schlimmer aber ist, dass niemand von Ungarn eine Ahnung hat. Nach ihrer Adresse gefragt, gibt sie „Ich wohne in Budapest“ an. Da lautet die nächste Frage glatt: „Ach. Und wie lebt es sich so in der Tschechoslowakei?“ Mit etwas mehr als 200 Seiten ist „Die Paprikantin – Ungarn für Anfänger“ auch für bereits fortgeschrittene Liebhaber des kleinen Landes eine höchst amüsante Wochenendlektüre, vor allem, wenn man sie mit einer Flasche ungarischem Wein begleitet.